Hallo und willkommen zur ersten Ausgabe von “Heldenleben”! Ab sofort erwartet Euch hier jeden Montag und Donnerstag eine neue Episode.
Als kleinen Start-Bonus gibt’s diese und nächste Woche auch die Audio-Versionen der neusten Ausgaben gratis für Euch zu hören. Ab April werden die dann nur noch über den Premium-Zugang abrufbar sein.
Aber jetzt erstmal: Viel Spaß mit “Heldenleben”!
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Prolog
Thomas rannte. Seine Herz schlug gegen seine Rippen wie ein Presslufthammer, seine Lunge rasselte, und doch hätte ihn nichts auf der Welt dazu bringen können anzuhalten. Das Geräusch des knisternden Feuers wurde langsam leiser. Dafür dröhnten die Schritte seines Verfolgers ihm in den Ohren; schnell und schneller werdend und dabei so kraftvoll, dass sie den Waldboden erzittern ließen.
Eine glühende Flammenzunge versengte Thomas’ die Haare, als sie an seiner Schläfe vorbei schoss. Für eine Sekunde glaubte er, das feurige Geschoss habe sein Ziel verfehlt; dann sah er es einige Meter vor sich im Unterholz verschwinden, und kaum einen Herzschlag später schlugen Flammen vor ihm hoch. Thomas bremste instinktiv ab, nur, um im selben Moment zu erkennen, dass er hätte springen müssen. Er warf einen hastigen Blick über die Schulter – und wurde schon in der Drehung durch einen gezielten Faustschlag seines Verfolgers jäh niedergerissen.
Die Welt drehte sich.Thomas stöhnte. Er wusste, dass er wieder auf die Füße kommen musste, aber er konnte es nicht.
Dragoon hatte sich über ihm zu voller Größe aufgebaut. Die Kleider hingen in Fetzen an ihm herab. Jeder Muskel seines Körpers war zum Zerreißen gespannt, die reptilienhaften gelben Augen auf Thomas fixiert. Der Drachenmensch verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse und spuckte aus. Sein Speichel verpuffte zischend auf der Erde. Blitzschnell hatte eine seiner massiven Pranken sich um Thomas’ Hals gelegt und ihn von den Füßen gehoben. Thomas röchelte. Dragoons Gesicht schwebte vor ihm in der Luft, die angespitzten Zähne zu einem hungrigen Grinsen entblößt.
“Es ist echt nicht zu fassen”, knurrte der Drachenmensch. “Du bist schwerer zu kriegen als `ne zugekokste Kakerlake. Verdammte Scheiße, wegen dir hab’ ich den Super Bowl verpasst! Den Super Bowl!”
Thomas rang nach Atem. Seine Beine strampelten nutzlos in der Luft, während er mit zitternden Fingern versuchte, den Griff um seinen Hals zu lockern.
Dragoon sprach weiter, ohne seine Anstrengungen zu beachten. “Wenn ich gewusst hätte, was für `ne Aktion das wird, hätt’ ich mir die Nummer hier besser bezahlen lassen. Aber was will man… machen?”
Dragoon verstummte. Seine Augen weiteten sich. Abrupt ließ er Thomas zu Boden fallen. Der wollte sich wieder aufrappeln, hielt aber inne, als er bemerkte, dass Dragoon ihn nicht mehr beachtete. Der Drachenmensch starrte mit großen Augen über ihn hinweg. Schritt um Schritt wich er zurück.
“Nein. Oh, nein…” Für einen Moment war aus Dragoons kehliger Stimme ein heiseres Flüstern geworden. “Oh, Gott, NEIN! Oh, SCHEIßE!”
Thomas wirbelte herum – und erstarrte. Aus der Flammenwand hinter ihm schälte sich die Gestalt eines muskulösen, hochgewachsenen Mannes. Das Feuer hatte offensichtlich seine Kleider verzehrt, schien ihm aber nichts anhaben zu können; — die Spitzen seiner schulterlangen grauen Haare brannten, verbrannten jedoch nicht. Aufrecht stand er inmitten der Flammen, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt. Langsam wanderte sein Blick von Thomas zu Dragoon. Der Drachenmensch hatte beschwichtigend die Hände erhoben und öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, — doch in diesem Moment stieß der Hochgewachsene einen markerschütternden Schrei aus und stürzte nach vorn.
Sechs Monate zuvor
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Mit zitternden Fingern führte Jay den Schlüssel ins Schloss. Es klemmte. Schon wieder. Jay fluchte innerlich. Ein weiteres Mal drehte sie den Schlüssel um und drückte gegen die Haustür, und ein weiteres Mal wollte die nicht nachgeben. Jay biss sich auf die Lippe. Dann tat sie einen großen Schritt zurück und warf sich mit der Schulter voran gegen die Tür, die ächzend aufschwang.
Jay stolperte in den Hausflur. Schwer atmend stützte sie sich auf das Treppengeländer. Irgendwie gelang es ihr, statt dem Schmerzensschrei, der sich ihrer Kehle entringen wollte, nur ein leises Wimmern von sich geben. Vorsichtig schob sie eine Hand unter den Mantel, um ihre Hüfte zu untersuchen. Wie befürchtet wurden ihre Finger sofort feucht. Die Wunde hatte wieder angefangen zu bluten. Scheißtür!
„Na, da hatte wohl jemand eine wilde Nacht, hm?“
Erschrocken schaute Jay auf. Sie hatte nicht bemerkt, dass eine Tür im ersten Stock sich geöffnet hatte. Am Treppenabsatz stand eine lebendig gewordene Hausfrauenkarikatur mit besticktem Bademantel, bunten Lockenwicklern und Plüschpantoffeln; in der Hand eine Zeitung, die sie gerade von ihrer Fußmatte aufgelesen haben musste. Grinsend musterte sie Jay, die ihre blutbefleckte Hand schnell in die Manteltasche gleiten ließ und sich vergewisserte, dass der Reißverschluss ihrer Handtasche, in der sie ihre Maske verstaut hatte, zugezogen war.
„Einen zuviel getrunken, was?“, hakte die Nachbarin nach.
„Kann sein…“ Jay erkannte die dünne Stimme kaum als ihre eigene wieder. Mit einer Hand am Geländer begann sie die Stufen hinauf zu steigen. Die Nachbarin machte einen Schritt zurück, um sie vorbei zu lassen, beobachtete sie aber weiterhin mit unverhohlener Neugier. Ihr Blick fiel auf die nachtblauen Lackstiefel, die unter Jays Mantel hervorschauten. Sie hob die Augenbrauen. Jay war es egal. Sollte die Klatschtante denken, was sie wollte.
Der Weg in den dritten Stock wurde zu einer Ewigkeit. Oben angekommen schaffte Jay es gerade noch, die Wohnungstür zu öffnen, hinein zu schlüpfen, und sie wieder hinter sich zu zu schlagen, ehe ihr Körper kapitulierte. Unfähig, sich auch nur eine Sekunde länger auf den Beinen zu halten, rutschte sie an der Tür auf den Parkettboden hinunter.
Dort saß sie, bis sie den pochenden Schmerz in ihrer Seite schließlich nicht länger ignorieren konnte. Auf wackligen Beinen ging sie ins Schlafzimmer. In den Nachttischen anderer Frauen fanden sich Romane, Zeitschriften oder Kosmetika; – Jays Nachttisch beherbergte eine mehr als gut sortierte Hausapotheke, auf die sie in genau solchen Fällen zurückgreifen konnte.
Jeden Maskenträger erwischte es einmal; – die meisten weit mehr als einmal. Aber in den letzten Jahren waren Verletzungen Alltag geworden. Immer häufiger schleppte Jay sich im Morgengrauen wie ein geprügelter Hund nach Hause. Immer häufiger führte ihr erster Weg an die Hausapotheke. Und immer häufiger musste sie ihren Vorrat an Schmerzmitteln auffüllen.
Sie schüttelte diese Gedanken ab, zog den Mantel aus und begann, sich aus ihrem blauen Latex-Top zu schälen. Obwohl sie es so behutsam wie nur möglich Zentimeter um Zentimeter anhob, war jede Bewegung eine Qual. Warum hatte sie das Mistding nicht einfach aufgeschnitten? Jay fluchte leise. Gleichzeitig wusste sie, das der schlimmste Teil ihr erst noch bevorstand.
Sie legte sich aufs Bett und machte sich daran, mit einer Pinzette im aufgerissenen Fleisch oberhalb ihres Hüftknochens herumzustochern. Genauso gut hätte sie ein heißes Messer dazu nehmen können; – schmerzhafter hätte das auch nicht sein können. Sie presste die Zähne aufeinander. Endlich stieß sie auf einen Fremdkörper in der Wunde. Sie holte tief Luft, schloss die Augen – und riss den spitzen Gegenstand mit einem Ruck heraus. Dieses Mal schrie sie.
Jays Augen tränten. Stöhnend begutachtete sie das kleine Metallstück, das nun, noch immer über und über mit ihrem Blut befleckt, zwischen den feinen Zangen der Pinzette baumelte. Es war die abgebrochene Spitze einer Messerklinge.
Jay ließ die Messerspitze in ein dafür bereit stehendes Schälchen auf dem Nachttisch fallen und die Pinzette daneben liegen. Ihr war schwindlig. Sie spürte, wie frisches Blut aus der Wunde quoll und sich in bedenklichen Mengen auf die Laken ergoss. Für einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, es fließen zu lassen und liegen zu bleiben. Nein. Es waren schon zu viele liegen geblieben. Eine Hand fest auf die Wunde gepresst setzte sie sich auf.
Sie war gerade dabei, einen Wattebausch mit Desinfektionsmittel zu durchtränken, als ihr Handy summend die Ankunft einer neuen Kurznachricht verkündete. Jay stockte. Nachrichten um diese Uhrzeit bedeuteten fast nie etwas Gutes. Sie griff nach dem Telefon und rief die neu eingegangene Nachricht auf:
„Frank ist tot. Red Room.“






